York
York Cliffords Tower
Foto: Annika HüskenAutorin: Annika Hüsken
Erfahrungsbericht zum Erasmusaufenthalt an der "University of York" (WS 2015/16)
Vorbereitung
Ich hatte generell einen Auslandsaufenthalt während meines Studiums geplant, jedoch ursprünglich eher während des Masters. Allerdings habe ich mich dann doch recht spontan beworben und war sehr erfreut, einen Platz für Biochemie an der University of York, meiner Erstwahl, zu erhalten.
Auf die Annahme des Platzes folgte eine Menge Papierkram, der sich jedoch mit Hilfe der vom IB zur Verfügung gestellten Checkliste recht gut bewältigen lässt. Die Immatrikulation in York war schnell geschafft, darauf folgte die Auswahl eines Research Projects, welches ich mir in Deutschland als Bachelorarbeit anrechnen lassen kann.
Die Modulwahl erfolgte wenig später. Die in Jena verpassten Module sollten dabei möglichst mit inhaltsgleichen Kursen aus dem 2. oder 3. Studienjahr in York ersetzt werden, jedoch wurden einem gerade beim Ersetzen der Aufbaumodule viele Freiheiten gelassen. Jede Vorlesung des dritten Studienjahres umfasst 5 ECTS, somit ersetzen zwei Vorlesungen ein Modul in Jena. Das Research Project liefert weitere 20 ECTS.
Zuletzt musste sich auch um eine Unterkunft gekümmert werden. Dabei hat jeder Erasmus-Student Anspruch auf ein Zimmer in den Universitätswohnheimen. Bei der Bewerbung dafür kann man Präferenzen angeben, jedoch liefern diese keine Garantie und man muss sich mit dem Zimmer zufrieden geben, welches man zugeteilt bekommt.
Ich hatte Glück und bin in Alcuin, einem College auf dem Campus Heslington West, gelandet. Dieser Campus ist zwar älter, weshalb einige der Gebäude innerlich wie äußerlich nicht gerade durch Modernität glänzen, aber dafür befinden sich sowohl die biologische als auch die chemische Fakultät auf diesem Campus. Mit wem ich zusammenwohne habe ich auch schon vor meiner Anreise erfahren. Diverse Facebook-Gruppen sind dabei recht hilfreich. Allerdings sind die Wohnheime "on Campus" etwas teurer, als Zimmer "off Campus". "Off Campus" ist allerdings zu beachten, dass es hier kein Semesterticket für Bus und Bahn gibt. Generell sind Busse hier privatisiert, sodass es verschiedene Anbieter mit unterschiedlichen Konditionen gibt. Des Weiteren habe ich dieses Jahr die Erfahrung gemacht, dass es sich bei der Wohnungssuche anbietet auch auf die Entfernung zum Fluss zu achten, denn den Fluten im Dezember sind auch manche Studentenunterkünfte in der Stadt zum Opfer gefallen.
York Campus See
Foto: Annika HüskenUnialltag
Da ich hauptsächlich Module des dritten Studienjahres belegt habe, hatte ich neben dem Research Project fast ausschließlich Vorlesungen, von denen alle von der biologischen Fakultät geleitet wurden. Jede Vorlesung umfasst etwa ein bis zwei Stunden pro Woche. Bei Modulen des 2. Studienjahres können dann noch Seminare, Praktika und Workshops dazukommen.
Mir haben die Vorlesungen "Cell and Tissue Engineering", "Immunology" und "Epigenetics in Development and Disease" am besten gefallen. Allgemein unterscheiden sich Vorlesungen wenig von denen in Deutschland. Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, dass nicht alle Vorlesungen jede Woche zur gleichen Zeit und im gleichen Hörsaal stattfinden. Ein großer Vorteil ist jedoch, dass alle Vorlesungsmaterialien gesammelt auf einer Internetseite, dem VLE, zur Verfügung gestellt werden und hier auch Audiomitschnitte der einzelnen Vorlesungen heruntergeladen werden können.
Die Klausuren, welche in der ersten Woche des zweiten und in der Mitte des dritten Trimesters stattfinden, unterscheiden sich jedoch deutlich von denen in Deutschland. 50% der Klausur des 3. Studienjahres besteht aus Wissens- und Anwendungsaufgaben, wobei auf Anwendung ein deutlich höherer Wert gelegt wird als in den meisten Klausuren in Jena, während für die restlichen 50% ein Essay zu einer von zwei-drei vorgegebenen Fragen geschrieben werden muss. Für gute Noten im Essay wird erwartet, dass man auch einen Blick in die wissenschaftlichen Artikel geworfen hat, die zu jeder Vorlesung empfohlen werden. Es ist jedoch definitiv nicht nötig, jeden Artikel genau zu lesen. Generell dauert eine Klausur zwei Stunden. Für Klausuren zu Modulen des zweiten Studienjahres verkürzt sich die Zeit auf eineinhalb Stunden, zudem zählt das Essay nur zu 30%. Weil ich zur zweiten Prüfungsphase schon nicht mehr in York war, durfte ich die Klausuren des "Spring Terms" als open Essays in Deutschland schreiben.
Da ich nur ein halbes Jahr in York verbracht habe, wurde mir freigestellt, ob ich ein Research Project machen möchte oder meine Bachelorarbeit nach meiner Rückkehr anfertige. Ich kann allerdings nur empfehlen die Chance zu nutzen, an einem solchen Projekt teilzuhaben. Da die praktische Phase im Labor einen längeren Zeitraum umfasst als bei einer deutschen Bachelorarbeit, hat man somit genug Zeit, um sich einzuarbeiten und ein Teil der Arbeitsgruppe zu werden. Ich habe in meinem Projekt verschiedene Methoden und Aufgabenbereiche von mikrobiologischen Techniken bis zur synthetischen Chemie kennenlernen dürfen und habe dadurch sehr viel gelernt. Zudem haben sich alle im Labor gut miteinander verstanden, sodass unsere AG auch außerhalb der Arbeitszeit mal zusammen essen war. Auch bei Fragen zur Laborarbeit waren alle sehr hilfsbereit. Offiziell sollte ich zwei Tage die Woche im Labor verbringen, letztendlich war ich allerdings deutlich öfter dort, schon weil es manchmal einfach nicht möglich ist, ein Experiment über mehrere Tage unbeobachtet stehen zu lassen. Dafür konnte ich mir meine Zeit sehr frei einteilen. Generell ist der Arbeitsaufwand allerdings stark vom Projekt und der Arbeitsgruppe abhängig.
Die Betreuung während des Studiums in York ist stärker als in Deutschland. So wird einem am Anfang des Jahres ein Supervisor zugeteilt, mit dem man mindestens ein Meeting pro Term verabredet, der aber auch sonst für sämtliche Studienfragen zur Verfügung steht. Auch wenn es am Anfang etwas befremdlich wirken mag, gewöhnt man sich schnell daran, sämtliche Betreuer mit Vornamen anzusprechen und zu schreiben - Eine Differenzierung zwischen "Du" und "Sie" bietet das Englische ja generell nicht. Für Ausländische Studierende finden in den ersten Wochen noch zusätzlich Veranstaltungen statt, die den Studienstart erleichtern.
Unterkunft und Freizeit
Ich habe während der Zeit ein Zimmer mit eigenem Bad in einem der neueren Gebäude des Alcuin Colleges bewohnt. Zusätzlich stand eine große Küche zur Verfügung, die ich mit 11 Mitbewohnern geteilt habe. Da auf dem Campus hauptsächlich Erstsemester untergebracht sind, war ich in unserer WG die einzige aus einem höheren Semester. Das hat aber nicht großartig gestört, denn so haben wir uns alle zu Beginn des Jahres neu kennengelernt. Natürlich braucht man ein bisschen Glück, wenn einem Mitbewohner einfach zugeteilt werde, ich habe mich allerdings mit den meisten gut verstanden und wir haben auch gerade am Anfang oft in der Küche zusammen gesessen und Filme geschaut oder Spiele gespielt.
Auch außerhalb der WG lernt man am Anfang viele neue Leute kennen, besonders wenn man am Programm der "Freshers Week" teilnimmt. Diese wird von allen Colleges in der ersten Woche der Herbst-Terms angeboten und besteht aus einer Reihe von Bar Crawls und Partynächten, um das Nachtleben und neue Kommilitonen kennenzulernen. Für weniger Feierbegeisterte werden Alternativevents wie Bowling oder Stadtführungen angeboten. Die "Freshers Week" endet mit dem "Freshers Fair", einem Markt, bei dem sich alle Sportclubs und Societies vorstellen.
Societies sind Interessensgemeinschaften, die sich üblicherweise einmal pro Woche treffen und bestimmten Aktivitäten nachgehen. Von Cocktail, über Baking und Gaming bis hin zur Harry Potter Society ist alles dabei. Und ja, die Uni hat eine eigene Quidditch Mannschaft. Zudem gibt es ein breites Sportangebot. Ich kann nur sehr empfehlen mindestens einer Aktivität beizutreten, da es eine weitere gute Möglichkeit bietet, interessante Leute kennenzulernen. Gerade einige Sportclubs unternehmen an Wochenenden Ausflüge, sodass auch dann keine Langeweile aufkommt. Ich habe oft mit dem Caving und Pothole Club in den Yorkshire Dales Höhlen erkundet und habe somit nicht nur überirdisch einiges von England gesehen.
York selbst ist eine sehr hübsche Stadt. Es gibt viele kleine Fachwerkhäuser und enge Gassen. Das Stadtbild wird nicht etwa durch einen mittelmäßig modernen Glasturm sondern durch die Türme des Minsters sowie den auf einer Anhöhe befindlichen Cliffords Tower geprägt. Es gibt eine Vielzahl an Museen, darunter ist besonders das Castle Museum zu empfehlen, und natürlich ist auch ein Spaziergang entlang der fast vollständig erhaltenen Stadtmauer ein Muss. Eine gute Möglichkeit für touristische Unternehmungen bietet das Residents Festival, ein Wochenende, an dem viele der Museen für Yorks Bewohner (Studentenausweis zählt als Nachweis) kostenlos geöffnet sind.
Auch für nächtliche Unternehmungen hat York einiges zu bieten. Mit 365 Pubs und Bars, in denen es ein breites Angebot an Bier, Cider und Cocktails zu probieren gibt, wird es nie langweilig. Zudem gibt es gut besuchte wöchentliche Partys für Studenten in den vier großen Yorker Nachtclubs. Dabei ist der Alkoholkonsum hier meist recht hoch und die Mädchen laufen auch bei Graden um den Gefrierpunkt gerne mal im trägerlosen Minikleid ohne Jacke oder Strumpfhose zum Club.
Auch die Umgebung von York sowie nahegelegene Städte zu besuchen, lohnt sich. Wenn man viele Zugreisen plant, mag es ratsam sein, sich eine Railcard zu besorgen. Die kostet für ein Jahr etwa 30 Pfund und bringt 30% Ersparnis pro Fahrt. Generell ist es hier wie in Deutschland empfehlenswert, rechtzeitig zu buchen. Es werden aber auch von der Studentunion über das "Give it a go" Programm verschiedene Ausflüge zu günstigen Preisen angeboten. Bei mir ging es darüber nach Liverpool und Edinburgh.
Fazit
Ich bin sehr froh darüber, die Chance genutzt und zwei Trimester in York verbracht zu haben. Neben Einblicken in den Universitätsalltage einer ausländischen Hochschule und in den britischen "way of life" habe ich auch einige gute Freundschaften gewonnen und viele kleine Abenteuer erlebt. Und letztendlich war das Winterwetter in England auch gar nicht so viel schlimmer als in Deutschland.