Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten

Das Kissen

Neue Perspektiven aus Haeckels Arbeitszimmer
Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten
Grafik: Jana Wiegandt

Perspektive von Kristin Marek 

Platzhalterbild — Icon Kissen
Perspektive zum Kissen von Kristin Marek

Kristin Marek ist Professorin für Geschichte und Theorie der Kunst an der Bauhaus Universität Weimar mit dem Forschungsschwerpunkt Handarbeit als künstlerische Praxis.

Grafik: Bastienne Karg · Audio: Kristin Marek

Leseversion der Audiodateien

  • Originalfassung

    „Mehr als ein hübsches Accessoire“

    Mein Name ist Kristin Marek und ich lehre und forsche an der Bauhaus-
    Universität in Weimar, wo ich Professorin für die Geschichte und Theorie der
    Kunst bin. Dabei ist einer meiner Forschungsschwerpunkte das Verhältnis
    von Kunst und Handarbeit, überhaupt von Handarbeit als ästhetischer, als
    künstlerischer Praxis. Eine Praxis, die weiblich konnotiert ist und vor allem –
    aber mit Ausnahmen, das darf nicht vergessen werden, sie gab es – von Frauen
    praktiziert wurde und noch wird; also Tätigkeiten wie Stricken, Klöppeln, Häkeln,
    Nähen und eben Sticken.
    Im Englischen gibt es dafür den schönen sprechenden Begriff Needlework,
    den ich sehr mag. Das Discomedusenkissen ist darum sehr spannend und
    interessant, es ist auch beispielhaft für die Wertschätzung von Handarbeiten
    bis heute und vielleicht sogar auch traurig, wegen seiner eher beiläufigen
    Präsentation im „Medusenhaus“ Ernst Heckels. Es nimmt als Darstellung einer
    Meduse, also einer Qualle, ja nicht nur den Namen der Villa auf, für die es gestickt
    und gemalt wurde, sondern auch ein Motiv Ernst Heckels.
    Zugleich aber verbindet es in seiner Materialität Malerei mit Stickerei und dem
    Nähen – und damit einander eigentlich ausschließende Bereiche, nämlich
    Handarbeit, das Sticken und Nähen (Needlework) und die Kunst, die Malerei.
    In der Verbindung von Handarbeit und Kunst, von Sticken mit Malerei steht es
    auch für eine exemplarische Gespaltenheit. Ella von Crompton, die das Kissen
    schenkte, war Künstlerin, aber sie war auch Frau und als solche oblag ihr das
    Handarbeiten und die dekorative Ausstattung des Heims.
    Und genauso wird das Kissen heute noch präsentiert: als hübsches Accessoire,
    nicht als Kunstwerk. Wie würde das Kissen wohl präsentiert, wäre es, lassen Sie
    uns phantasieren, von Wassily Kandinsky entworfen worden? Richtig: Als Kunst
    und damit als Objekt, in dem sich der künstlerische Genius spiegelt und nicht
    bloß der Fleiß einer Frau, die es den Herren zu Hause hübsch und gemütlich
    macht.

  • Übersetzung

    “More than a pretty accessory”

    My name is Kristin Marek and I teach and conduct research at the Bauhaus
    University in Weimar, where I am a professor of art history and theory. One of
    my main areas of research is the relationship between art and handicrafts, and
    handicrafts in general as an aesthetic and artistic practice. This is a practice that
    has feminine connotations and, above all—but with exceptions, it should not be
    forgotten that there were some—was and still is practiced by women; activities
    such as knitting, bobbin lace making, crocheting, sewing, and embroidery.
    In English, there is a beautiful and evocative term for this, “needlework,” which I
    really like. The Discomedusenkissen is therefore very exciting and interesting; it
    is also exemplary of the appreciation of handicrafts to this day and perhaps even
    sad, given its rather casual presentation in Ernst Heckel‘s “Medusenhaus.” As a
    representation of a medusa, or jellyfish, it not only takes up the name of the villa
    for which it was embroidered and painted, but also a motif by Ernst Heckel.
    At the same time, however, its materiality combines painting with embroidery
    and sewing, thus bringing together two areas that are actually mutually exclusive:
    needlework (embroidery and sewing) and art (painting). The combination of
    needlework and art, of embroidery and painting, also represents an exemplary
    dichotomy. Ella von Crompton, who gave the cushion as a gift, was an artist, but
    she was also a woman and, as such, was responsible for handicrafts and the
    decorative furnishings of the home.
    And that is exactly how the cushion is still presented today: as a pretty accessory,
    not as a work of art. How would the cushion be presented if, let‘s imagine, it had
    been designed by Wassily Kandinsky? Correct: as art and thus as an object that
    reflects artistic genius and not merely the diligence of a woman who makes her
    home pretty and cozy for the gentlemen.