Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten

Das Kissen

Neue Perspektiven aus Haeckels Arbeitszimmer
Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten
Grafik: Jana Wiegandt

Perspektive von Charlotte Fuchs

Platzhalterbild — Icon Kissen
Perspektive zum Kissen von Charlotte Fuchs

Charlotte Fuchs ist Master-Studentin der Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Jena und arbeitet im Bereich der Wissenschaftskommunikation

Grafik: Bastienne Karg · Audio: Charlotte Fuchs

Leseversion der Audiodateien

  • Originalfassung

    „Gegen den Strom der Konvention“

    Ich bin Charlotte Fuchs, Studentin im Master Geschichte der
    Naturwissenschaften an der Universität Jena und arbeite ansonsten im Bereich
    der Wissenschaftskommunikation.
    Die detailgetreue Darstellung der Schirmqualle Aurelia insulinda weist auf
    Ella von Cromptons wissenschaftliches Interesse an diesen Lebewesen hin,
    verdeutlicht aber auch ihre ausgeprägte Verehrung für Haeckel.
    Es war für Ella wichtig, sich selbst in den Naturwissenschaften weiter zu bilden,
    und durch ihre Kunst und die Beständigkeit bei wissenschaftlichen Motiven
    zu bleiben, ist es ihr bis zu einem bestimmten Grade tatsächlich gelungen, ein
    gewisses Maß naturwissenschaftlicher Bildung zu erlangen. Dabei sollte aber
    nicht vergessen werden, welch umständlichen Weg sie gehen musste und wie
    begrenzt ihre Möglichkeiten auch auf diesem waren.
    Über zwei Jahrhunderte lang, bis 1947, war den Frauen der Zutritt zu den
    wissenschaftlichen Akademien in Deutschland verwehrt, wo sie sich im
    Kreise anderer Wissenschaftler hätten austauschen und diskutieren können.
    Es galt also als Selbstverständlichkeit, dass Frauen sich nicht mit den
    Naturwissenschaften zu beschäftigen hatten und welche es doch taten,
    wiedersetzten sich der allgemeingültigen Ansicht und Erwartung, Frauen seien
    nicht in der Lage, solch komplexe Vorgänge zu verstehen. So erhielt auch Ella
    von Crompton von ihrer Familie, nachdem diese bei ihr Haeckels Welträtsel
    entdeckten, den Vorwurf: „Das kannst du ja gar nicht verstehen, das ist überhaupt
    viel zu schwer für dich!“ Vor allem hatte diese Einstellung zur Folge, dass die
    Frauen noch weniger als zuvor Zugriff auf die Wissenschaft hatten.
    Das aufwändig bestickte und bemalte Kissen mit zoologischem Motiv vereint
    in sich zwei treibende Kräfte Ella von Cromptons: Ihr Kunstschaffen sowie ihr
    naturwissenschaftliches Interesse. Darüber hinaus versinnbildlicht es auch
    Ellas enge Beziehung zu Haeckel. Ella von Crompton ist eine von vielen an
    Bildung interessierten Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, deren Schicksal wir
    kaum bis gar nicht kennen. Ellas Weg zeigt uns, welch gewundene Wege eine
    bürgerliche Frau um 1900 gezwungen war zu gehen, um ihren Platz in Kunst und
    Naturwissenschaft zu finden. Dabei zeigen sich Nischen wie das Kunstgewerbe,
    die Populärliteratur (speziell Haeckels) sowie die Botanik und die Chemie, in die
    die Frauen eindringen konnten. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, wie begrenzt
    ihre Möglichkeiten waren.

  • Übersetzung

    “Against the tide of convention”

    I am Charlotte Fuchs, a student in the Master‘s program in the History of
    Science at the University of Jena and otherwise work in the field of science
    communication.
    The detailed depiction of the umbrella jellyfish Aurelia insulinda points to Ella
    von Crompton‘s scientific interest in these creatures, but also illustrates her
    profound admiration for Haeckel. It was important for Ella to educate herself in
    the natural sciences, and through her art and her consistency in scientific motifs,
    she actually succeeded to a certain extent in acquiring a degree of scientific
    education. However, it should not be forgotten what a difficult path she had to
    take and how limited her opportunities were in this field. For over two centuries,
    until 1947, women were denied access to scientific academies in Germany,
    where they could have exchanged ideas and discussed with other scientists.
    It was therefore taken for granted that women should not concern themselves
    with the natural sciences, and those who did so defied the generally accepted
    view and expectation that women were incapable of understanding such
    complex processes. When Haeckel‘s Welträtsel (The Riddle of the Universe)
    was discovered in her home, Ella von Crompton‘s family accused her: “You can‘t
    possibly understand that, it‘s far too difficult for you!” Above all, this attitude
    meant that women had even less access to science than before.
    The elaborately embroidered and painted cushion with a zoological motif
    combines two of Ella von Crompton‘s driving forces: her artistic creativity and
    her interest in science. It also symbolizes Ella‘s close relationship with Haeckel.
    Ella von Crompton is one of many women interested in education in the 19th and
    20th centuries whose fate we know little or nothing about.
    Ella‘s path shows us the winding roads a middle-class woman around 1900
    was forced to take in order to find her place in art and science. It reveals niches
    such as the arts and crafts, popular literature (especially Haeckel‘s), botany, and
    chemistry, which women were able to enter. At the same time, however, it also
    highlights how limited their opportunities were.