Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten

Die Statuette

Neue Perspektiven aus Haeckels Arbeitszimmer
Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten
Grafik: Jana Wiegandt

Perspektive zur Statuette von Marsha Morton

Platzhalterbild — Icon Gemälde
Perspektive zur Statuette von Marsha Morton

Marsha Morton ist Professorin für Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften am Pratt Institute New York mit Fokus auf Bild- und Ideengeschichte in Deutschland und Österreich im 19. Jahrhundert.

Grafik: Bastienne Karg · Audio: Marsha Morton

Leseversion der Audiodateien

  • Originalfassung

    “The Monarch of All I Survey”

    Just as the book records his experiences and opinions of Ceylon and its
    inhabitants, the photo and this statue were constructions of self-identity. Attired
    in the typical clothing of a heroic adventurer and hunter, he is equipped with a
    rifle, knife, and pistol, and radiates an aura of confidence, authority, and sense of
    superiority that characterized the hegemony of the white European male at the
    time. As historian Mary Pratt described Victorian travelers, he is “the monarch of
    all I survey.”
    Seen through the lens of post-colonialism, the dead ape reflects the Western
    plundering of natural resources. Haeckel noted in his book that he packed a
    trunk for the journey with ammunition for his double-barreled rifle: a thousand
    cartridges with different sizes of shot. His pose of dominance in the statue is
    reinforced in “Indische Reisebriefe”, where he celebrates the British as “lords of
    the island” with a genius for “founding and governing colonies”. He praises in
    paternalistic terms only the Singhalese natives who demonstrate the appropriate
    “respect” for him; and he inserts racist comments about cooks that look like
    baboons. The attitude of Haeckel in this statue projects his deserved global
    prominence as a leading scientist but also alludes to his post-colonial bias
    concerning the inferiority and marginalization of tribal populations. It visualizes a
    comment by an American reviewer of Haeckel’s book in 1883 that “what we see
    on every page is not a picture of Ceylon, but a picture of a man making a journey
    through Ceylon.”

  • Übersetzung

    „Herrscher über alles, was ich überblicke“

    So wie das Buch seine Erfahrungen und Meinungen über Ceylon und seine
    Bevölkerung festhält, waren das Foto und die Statue Konstruktionen seiner
    eigenen Identität. Gekleidet in der typischen Kleidung eines heldenhaften
    Abenteurers und Jägers, ist er mit Gewehr, Messer und Pistole ausgestattet
    und strahlt eine Aura von Selbstbewusstsein, Autorität und einem Gefühl von
    Überlegenheit aus, welches die Hegemonie des weißen europäischen Mannes
    der Zeit charakterisiert. Oder wie die Historikerin Mary Pratt den viktorianischen
    Reisenden beschrieb: Er ist der “monarch of all I survey” (Monarch von allem,
    was ich betrachte).
    Durch die Brille des Post-Kolonialismus betrachtet, steht der tote Affe für das
    westliche Plündern natürlicher Ressourcen. Haeckel schrieb in seinem Buch,
    dass er für die Reise eine Kiste voller Munition für sein doppelläufiges Gewehr
    gepackt hatte: Tausend Patronen unterschiedlicher Größe. Seine dominante Pose
    in der Statue wird in „Indische Reisebriefe“ verstärkt, wo er die Briten als „Herren
    der Insel” mit einer Begabtheit für „das Gründen und Führen von Kolonien” feiert,
    nur die Singhales*innen in paternalistischen Tönen lobt, die ihm den gebührenden
    „Respekt” entgegenbringen und rassistische Kommentare über Köche einbringt,
    die seiner Meinung nach wie Menschenaffen aussähen.
    Die Attitüde Haeckels in dieser Statue projiziert seine verdiente globale
    Bekanntheit als führender Wissenschaftler seiner Zeit, aber verdeutlicht
    auch seine Verzerrung in der post-kolonialen Betrachtung in Bezug auf die
    Erniedrigung und Marginalisierung der Einheimischen. Es veranschaulicht der
    Kommentar eines amerikanischen Kritikers aus dem Jahr 1883 zu Haeckels
    Buch, dass das „was wir auf jeder Seite sehen kein Bild von Ceylon [ist], sondern
    das Bild eines Mannes, der eine Reise durch Ceylon macht”.