Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten

Die Statuette

Neue Perspektiven aus Haeckels Arbeitszimmer
Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten
Grafik: Jana Wiegandt

Perspektive zur Statuette von Albert Feierabend & Florian Balbiani

Platzhalterbild — Icon Gemälde
Perspektive zur Statuette von Albert Feierabend & Florian Balbiani

Albert Feierabend und Florian Balbiani sind wissenschaftliche Mitarbeiter der Koordinierungsstelle „Koloniales Erbe in Thüringen“ an deb Universitäten Erfurt und Jena.

Grafik: Bastienne Karg · Audio: Albert Feierabend

Leseversion der Audiodateien

  • Originalfassung

    „Wie Haeckel in Erinnerung bleiben wollte“

    Das Haeckel-Haus betraten wir zum ersten Mal im Mai 2025, zusammen mit
    Studierenden unseres Seminars, in dem wir uns damit beschäftigten, wie
    Europäer Wissen im Kontext von Forschungsexpeditionen, von Mission und
    kolonialer Herrschaft schufen. Bastienne Karg führte uns durch das Haus.
    Im Arbeitszimmer machte sie uns mit der Statuette und ihrer Geschichte
    bekannt. Sie zeigt Haeckel als Forschungsreisenden, vermeintlich auf Ceylon, in
    Wirklichkeit in einem Jenaer Fotostudio. Eine Statuette, die er vervielfältigen ließ
    und seinen Besuchern mitgab. Sie zeigt Haeckel so, wie er in Erinnerung bleiben
    wollte.
    Ganz unverhofft entdeckten wir in ihr eine Quelle für unser Seminar. Denn
    direkt im Anschluss diskutierten wir über die Selbstinszenierung von
    Forschungsreisenden als einsame, heldenhafte männliche Entdecker, die
    mit neuem Wissen nach Europa zurückkehrten – ein Sinnbild europäischer
    Überlegenheit. Doch das Bild hat wenig mit der Realität zu tun, denn Haeckel
    war weder so allein noch so selbstbestimmt, wie die Statuette es nahelegt.
    Wir überlegten also, wie eine kritische Betrachtung solcher Forschungsreisen
    aussehen kann. Jenseits des Heldenhaften können wir die Wissensproduktion
    vielmehr als Gemeinschaftsprojekt verstehen, bei dem Europäer zwingend auf
    lokale Akteure angewiesen waren und sich deren tradiertes Wissen – teilweise
    mit Gewalt – aneigneten. Gleichzeitig erfuhren jene, denen sie begegneten, auch
    etwas über die Europäer. Von diesem gegenseitigen Wissenstransfer verrät die
    Statuette jedoch nichts, so wie sie auch sonst wenig Schlüsse über Haeckels
    Leben und Wirken zulässt.
    Albert
    macht.

  • Übersetzung

    „Haeckel as he wanted to be remembered”

    We entered the Haeckel House for the first time in May 2025, together with
    students of our seminar, in which we were looking at how Europeans created
    knowledge in the context of research and missionary expeditions, and colonial
    rule. Bastienne Karg guided us through the house. In the study she introduced
    us to the statue and its history. She shows Haeckel as an explorer, supposedly
    on Ceylon, in reality in a photography studio in Jena. A statue, which he had
    replicated and gave to his visitors. It shows Haeckel as he wanted to be
    remembered.
    Very unexpectedly we found in it a source for our seminar. Because immediately
    afterwards we started discussing the self-staging of explorers as lonesome,
    heroic and masculine, who returned to Europe with new knowledge – a symbol
    of European superiority. But the image barely represents reality, because Haeckel
    was neither alone nor was he self-determined like the statue suggests. So we
    thought about, how a critical analysis of such expeditions could look like. Beyond
    the heroic we can understand the production of knowledge much more as a
    collective project, in which Europeans were strictly depending on local agents,
    and – sometimes forcefully – took their knowledge. At the same time those who
    came into contact with the Europeans also learned something about them. But
    the statue does not indicate anything about this transfer of knowledge – just as it
    gives very few conclusions about Haeckel‘s life and works.