Perspektive zur Reisscheune von Claudia Taszus
Claudia Taszus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Ernst Haeckel (1834-1919): Briefedition« an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
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Originalfassung
„Von West-Sumatra nach Jena: Die Reise eines außergewöhnlichen Modells“
Im Arbeitszimmer der Villa Medusa, dem nach seiner Lieblings Spezies
benannten Wohnhaus Ernst Haeckels, steht das außergewöhnliche, kunstvoll
gearbeitete Modell einer sogenannten Pattischeuer (Reisscheune). Sie ist eines
der wenigen ethnografischen Objekte, die sich in Haeckels Besitz befanden und
sticht aus der sonstigen Einrichtung des Zimmers hervor. Daneben stehen die
Drahtmodelle von zwei weiteren malaysischen Reisscheunen.
Haeckel war eben als Zoologe und zum Teil auch als Botaniker in erster Linie
an Naturalien interessiert, die er für das Zoologische Museum und für die Arbeit
mit seinen Studenten im Laboratorium der Universität Jena benötigte. Beide
Tropenreisen Haeckels führten ihn in Richtung Südostasien, dem Gebiet, in dem
er den Pithecanthropus alalus, den “missing link” vom Menschenaffen-ähnlichen
Vorfahren zum Menschen, vermutete. Von der Faszination, die nicht nur die
Natur, sondern auch die Kultur der außereuropäischen Völker auf ihn ausübte,
zeugen jedoch die zahlreichen von ihm selbst angefertigten Fotografien und
Aquarelle, die die einheimische Bevölkerung und ihre Alltagskultur darstellen.
Ein zentrales Motiv ist auch hier wieder vielfach die Pattischeuer, die es Heckel
so angetan hatte, dass er sie schließlich auch explizit in seinen Wanderbildern
publizierte. Deren Modell, so gibt der Briefwechsel preis, stammt von einem
einheimischen Künstler aus einem Kampong, also einem Dorf aus der Nähe
von Fort de Coq in West-Sumatra und wurde von Johann Schild, Chef eines
niederländischen Handelshauses in Padang erworben und als Geschenk an
Haeckel gesandt. Von Schild stammen wohl ebenso die filigranen Drahtmodelle
der zwei anderen malabrischen Reisscheunen, die denen ähneln, die Wilhelmina,
Königin der Niederlande zusammen mit anderen Erzeugnissen malaysischer
Kunst anlässlich ihrer Vermählung 1901 als Hochzeitsgeschenk aus der
damaligen Kolonie Niederländisch-Indien, heute Indonesien, erhielt.