Perspektive zur Postkarte von Bastienne Karg
Bastienne Karg ist Kulturhistorikerin und Mitarbeiterin für Archiv und Museum am Ernst-Haeckel-Haus.
Leseversion der Audiodateien
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Originalfassung
„Vom Schaustück zum Zeitzeugnis“
Ich bin Bastienne Karg und hatte eine Objektbiografie zu dem präparierten Gorilla
geschrieben. Hierbei versuchte ich mithilfe von Archivmaterialien und Schriften
verschiedene Perspektiven auf das Exponat sichtbar zu machen.
Druckwerke, wie Bücher und Grafiken, gaben einen Einblick in den
Wissenschaftsdiskurs zum Gorilla im 19. Jahrhundert. Briefe dokumentierten
den Handel von wissenschaftlich genutzten Schaustücken. Fotografien fixierten
die Ausstellungspraktiken im Wandel der Zeit. So sehen wir auf der Postkarte
den Gorilla als historische Dermoplastik. Das bedeutet, dass der präparierte
Balg, also die Haut des Gorillas, über eine Gipsskulptur gezogen wurde. Daneben
steht Ernst Haeckel, der 1860 die deutsche Übersetzung von Darwins „Origin
of Species“ las. Diese Schrift spielte eine zentrale Rolle in Haeckels Forschung.
Als Haeckel 1879 das dritte Mal Darwin besuchte sprach er von einem Wunsch,
eine Schausammlung zu gründen, die anhand von Präparaten und Bildern den
Darwinismus und die Entwicklungslehre dem gebildeten Publikum zugänglich
mache. 30 Jahre später eröffnete Haeckel das Phyletische Museum und eines
der ersten Exponate war der Gorilla. Die aufrechte Haltung unterstrich die
ähnliche Anatomie und die nahe Verwandtschaft von Affe und Mensch.
Heute ist er ein historisches Exponat. Er ermöglicht einen Zugang zu
vergangenen Zeiten sowie deren Einflüsse bis in unsere Gegenwart. Dadurch regt
sowohl der Gorilla als auch die Postkarte zur Reflektion von Denkmustern an.
Bastienne Karg -
Übersetzung
„From showpiece to historical artifact”
My name is Bastienne Karg, and I wrote an object biography about the stuffed
gorilla. Using archival materials and writings, I attempted to reveal different
perspectives on the exhibit.
Printed works, such as books and graphics, provided insight into the scientific
discourse on gorillas in the 19th century. Letters documented the trade in
specimens used for scientific purposes. Photographs captured exhibition
practices over time. On the postcard we see the gorilla as a historical
dermoplastic. This means that the prepared skin of the gorilla was stretched
over a plaster sculpture. Next to it stands Ernst Haeckel, who read the German
translation of Darwin‘s “Origin of Species” in 1860. This work played a central
role in Haeckel‘s research. When Haeckel visited Darwin for the third time in
1879, he spoke of his desire to establish a collection that would use specimens
and images to make Darwinism and the theory of evolution accessible to an
educated audience. Thirty years later Haeckel opened the Phyletic Museum
and one of the first exhibits was the gorilla. Its upright posture emphasized the
similar anatomy and close relationship between apes and humans.
Today, it is a historical exhibit. It provides access to past times and their
influence on the present. As a result, both the gorilla and the postcard encourage
reflection on patterns of thought.