Häute verschiedener Säugetiere, die nebeneinander in einem Sammlungsschrank hängen.

Die zoologisch-paläontologischen Sammlungen

Die Schätze hinter den Kulissen des Phyletischen Museums.
Häute verschiedener Säugetiere, die nebeneinander in einem Sammlungsschrank hängen.
Foto: PD Dr. Manuela Schmidt

"Auf drei Säulen ruht die Ausstrahlungskraft eines Museums - Ausstellungstätigkeit, Sammlungsarbeit und Forschung. Obwohl ... die eine Aufgabe nicht ohne die andere erfüllt werden kann, wird doch ... nur die Ausstellung als Aktivität des Museums deutlich. Zwar ist allgemein bekannt, dass Museen Magazine besitzen, doch liegt darüber mehr oder weniger der Schatten des Unbekannten und Geheimnisvollen." (von Knorre, 1983).

Das Museum verfügt über umfangreiche Sammlungen mit mehr als einer Million Objekten. Darunter sind wertvolle historische Stücke aus Goethes Zeit und Ausbeuten verschiedener Sammlungsexpeditionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Besonders wertvoll sind die Typusexemplare von 760 beschriebenen Tierarten.

Die Sammlungen bestehen nicht nur aus oft unersetzlichem Originalmaterial, sondern sie bewahren die Arbeit und das Wissen von Generationen von Forscherinnen und Forschern. Unsere Sammlungen sind "lebendig", wachsen stetig weiter, durch große und kleine Schenkungen und durch die Forschungsarbeit am Museum und am Institut für Zoologie und Evolutionsforschung.

Vom Fund zum Objekt - Präparation, Konservierung, Erhaltung

Zu den zentralen Aufgaben unserer Präparatoren gehören die Konservierung und Präparation von Neuzugängen sowie die Fertigung von Modellen und Ausstellungsobjekten. Fachgerecht konservierte und dokumentierte Objekte bilden als originale Sachzeugen ein unverzichtbares Fundament für die biologische Forschung. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an die lebendige und eindrucksvolle Gestaltung von Ausstellungen. Unsere Präparatoren bilden sich kontinuierlich weiter und erproben neue Verfahren und Techniken. Ihre Werke sind weit über die Grenzen des Phyletischen Museums gefragt und bereichern viele andere Museen.

Die Herausforderungen an Konservierung und Erhaltung der verschiedenen Objektarten sind recht unterschiedlich. Während in der „Trockensammlung“ und im Insektenmagazin der Schutz vor Schädlingen elementar ist, erfordern die in Alkohol konservierten Objekte aufwändige Pflege, um dem Trockenfallen oder der Zersetzung historisch wertvoller Etiketten vorzubeugen. In einer großen Kraftanstrengung gelang der Universität die Einrichtung eines neuen Magazins für die „Nasssammlung“, das nicht zuletzt den Bestimmungen von Brandschutz und Arbeitsschutz gerecht wird. Mit den aufwändigen Konservierungsarbeiten wurde Bernhard L. Bock als neuer Technischer Leiter der Sammlungen betraut.

  • Dermoplastik und Skelettmontage

    Wissen über die Bewegung von Tieren ist unerlässlich für die Fertigung lebensechter Dermoplastiken und die richtige Montage von Skeletten.
    Präparator: Matthias Krüger

    Dermoplastik und Skelett einer Hauskatze
    Foto: PD Dr. Manuela Schmidt
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Wertvolle Typen

Typusexemplare gehören zu den wertvollsten Objekten einer Sammlung. Die präzise anatomische Beschreibung dieser Individuen bildete die Grundlage der morphologischen Diagnose einer neu beschriebenen Spezies (Mehr erfahren …Externer Link). Typusexemplare sind die wichtigsten Referenzpunkte der Taxonomie. Unsere Sammlungen beherbergen derzeit mehr als 760 solche Objekte. Das prominenteste Stück ist der sogenannte „Urstier von Haßleben“, dessen Knochen bereits Goethe in den Händen hielt. Unter anderem auf Goethes Schrift stützte sich Ludwig Heinrich Bojanus 1825 bei seiner Erstbeschreibung des Auerochsen Bos primigenius, der vermutlichen Wildform aller heutigen Hausrinder.

Viele Typusexemplare finden sich unter den Sammlungsstücken Ernst Haeckels (Korallen und Anemonen), der fleißig neue Arten beschrieb. Nicht alle diese Arten sind heute noch valide, also taxonomisch gültig, doch der historische Wert dieser Objekte bleibt erhalten.

Geschnittenes

Die Sammlungen beherbergen nicht nur dreidimensionale Objekte, sondern auch zahlreiche Schnittserien. Durch die entomologische Forschung am Museum zur Phylogenie der Insekten sind viele Serien besonders kleiner Organismen entstanden, die in Epoxidharz ("Araldit") eingebettet und mit speziellen Messern geschnitten und anschließend gefärbt werden.

Eine ganz andere Dimension haben die Schnittserien von Wirbeltierembryonen. Besonders Säugetiere sind vertreten, auch einige Vögel. Durch eine Einbettung in Celloidin, einer Art Zellulose, können zentimetergroße Objekte geschnitten werden. Die überwiegende Mehrzahl der Serien entstammt der Sammlung "Dietrich Starck". Unter dem Direktorat Martin S. Fischer kamen weitere, wertvolle Serien dazu, u.a. von Embryonen afrikanischer Elefanten.  

Inzwischen werden viele Objekte jedoch nur noch virtuell geschnitten. Dadurch bleiben wertvolle Sammlungsstücke erhalten. Bei kleinen Insekten nutzen wir das besonders hochauflösende Synchrotron-µCT-Scanning in Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum Hereon (DESY: Hamburg). Darauf basierende 3D-Rekonstruktionen ermöglichen einen erstaunlich präzisen Einblick in die Körperorganisation dieser Winzlinge. Schauen Sie mal.Externer Link

Histologische Schnitte: Kopf einer Staublaus (Loesia sp.), Breite: 0,9 mm, Nase eines neugeborenen Erdferkels (Orycteropus afer), Breite: 40 mm.

Illustration: Michael Weingardt, Manuela Schmidt

Zur Geschichte der Sammlungen

Die Ursprünge der zoologisch-paläontologischen Sammlungen

Die Geschichte der Sammlungen beginnt im Jahr 1700 nach dem Schlossbrand in Weimar. Herzog Wilhelm Ernst von Weimar kaufte einen Teil des Naturalienkabinettes des verstorbenen Christian Lorenz von AdlershelmExterner Link, welcher Ratsherr und Bürgermeister in Leipzig war. Im Jahr 1779 wurde das WALCHsche Naturalienkabinettes durch Herzog Carl August von Sachsen-Weimar erworben. Beides bildete nun den Grundstock für das „Herzogliche Museum“, das im ehemaligen Stadtschloss in Jena seine erste Aufstellung fand.

Über viele Jahre nahm Johann Wolfgang von Goethe Einfluss auf die Einrichtung. Aus dieser Zeit und den ersten Jahren der Kunstkammer verfügt das Phyletische Museum u. a. noch über Fossilien, Walknochen sowie das Skelett des auch von Goethe bearbeiteten Auerochsen, das Bojanus im Jahr 1827 wesentlich für seine Erstbeschreibung des Urstiers Bos primigenius als Grundlage gedient hat.

Im Jahr 1850 erfolgte die Abtrennung vom „Mineralogischen Kabinett“ und damit der Beginn des „Zoologischen Museums“ als selbständige Einheit.

Das Gehörn des fossilen Auerochsen, Goethes "Urstier von Haßleben", mit Schillers Schönheitslinie

Foto: Frank Müller

Große Expeditionen erweitern die Sammlungen

Zwischen 1860 und 1890 erfuhr die Sammlung enormen Zuwachs durch Expeditionen. Ernst Haeckel selbst sammelte marine Organismen vom Roten Meer, dem Indischen Ozean und Ceylon (heute Sri Lanka). Richard Semon brachte unzählige Objekte von seiner dreijährigen Forschungsreise nach Australien mit. Auch Haeckels Nachfolger, Ludwig Plate (Ceylon) und Jürgen Harms (Java und Sumatra) brachten viele exotische Objekte in die Sammlung ein. Hinzu kamen Ankäufe und Schenkungen von Insekten-, Conchilien- und Fossiliensammlungen. Typenmaterial befindet sich vor allem unter den Expeditionsausbeuten.

Historische Präparate von Amphibien stammen u.a. von der Expedition Richard Semons nach Australien (1891-1893)

Foto: PD Dr. Manuela Schmidt

Erste Sammlungsmagazine

Da Ernst Haeckel das Phyletische Museum ohne Magazinräume hatte errichten lassen, fand nur ein Teil der Objekte einen Platz im Museum. Der größere Teil verblieb in den Räumen des Zoologischen Instituts. Diese Situation begann sich erst im Rahmen der Neugestaltung der Schauräume in den Jahren 1956–1963 unter dem Direktorat Manfred Gersch zu ändern. Im Obergeschoss wurde das Insektenmagazin eingerichet. Ein weiterer bedeutender Materialzufluss erfolgte mit der Übernahme der umfangreichen Sammlung des Geologisch-Paläontologischen Institutes 1968.

Dr. Dietrich von Knorre, langjähriger Kustos der zoologisch-paläontologischen Sammlungen

Foto: Matthias Krüger

Ordnung kommt mit dem Kustos

Mit der 3. Hochschulreform der DDR wurden ab 1969 die Sammlungsbestände des Zoologischen Instituts und des Museums vereinigt und einem „speziell mit ihrer Wartung beauftragten Kustos unterstellt.“ Am 01. Februar 1969 wurde Dietrich von Knorre mit dieser Aufgabe betraut. Durch große Hingabe in die jahrelange Kleinarbeit gelang ihm eine Inventarisierung der Sammlungen. In drei Jahrzehnten ordnete er fast alle Bestände des Museums nach taxonomischen Gruppen. Bei seinen Nachforschungen stieß er auf zahlreiche Typusexemplare, die bis dato nicht ausreichend gekennzeichnet waren. Ihm zu Ehren trägt eine kürzlich im Museum entdeckte Staublaus in fossilem Baumharz seinen Namen: ‡Amphientomum knorrei. (Mehr erfahren ...)

Die Wirbeltiersammlung "Dietrich Starck"

Prof. Dr. Dr. h.c. Dietrich Starck (*1908; †2001) war einer der bedeutendsten Wirbeltiermorphologen des 20. Jahrhunderts. Von 1949 bis zu seiner Emeritierung war er Ordinarius des Anatomischen Instituts der Universität Frankfurt. Seine akademische Laufbahn begann mit einem Medizinstudium 1926 in Jena, doch seine Begeisterung gehörte der Evolutionsforschung. Viele seiner Studien sind der Entwicklung und Evolution des Wirbeltierkopfes gewidmet. Auf seinen Forschungsreisen, u.a. nach Äthiopien, Kenia und Südafrika beobachtete er Primaten und sammelte Material für seine morphologischen Untersuchungen.

Nach 1990 besuchte er häufig das Phyletische Museum. Die enge Verbundenheit zu Jena hat Dietrich Starck zu dem Entschluss geführt, seine private Wirbeltiersammlung mit über 10.000 Stücken dem Museum zu vermachen.  

Primaten aus der Sammlung Dietrich Starck: Schädel von Stummelaffen, Krallenaffen in Alkohol konserviert, Schnittserie eines Embryos

Foto: PD Dr. Manuela Schmidt

Sammlungsbestände - eine Übersicht

Die Übersicht erfolgt nach taxonomischen Großgruppen. Als Bestand wird die Zahl der Inventarnummern angegeben (Stand März 2026). Bei einigen Gruppen, z.B. den Weichtieren und Insekten umfassen Inventarnummern ganze Serien oder Kästen. Die Zahl der Individuen ist hier deutlich größer. Wir schätzen den Bestand der Insekten auf ca. 850.000 bei einem aktuell jährlichen Zuwachs von vermutlich 7.500 Stücken.

Teilsammlung oder Tiergruppen Bestand
Paläontologie und Geologie 11.353
Weichtiere (Mollusca) 9.922
Vögel (Aves) 9.091
Säugetiere (Mammalia) 8.187
Insekten (Hexapoda) 1.989
Knorpel- und Knochenfische (Chondrichthyes, Actinopterygii) 1.978
Gliederfüßer (Arthropoda), außer Insekten 1.705

Kataloge zum Download:

Weitere Tiergruppen im Bestand: u.a. Annelida, Chondrichthyes, Cnidaria, Echinodermata, Lophophorata, Nematoda, Platyhelminthes, Porifera

Nähere Auskunft über die Bestände und Anfragen zur Ausleihe unter phyl.museum.kustodie@uni-jena.de 

... und die Sammlungen wachsen weiter

Die Sammlungen des Phyletischen Museums sind lebendige Forschungssammlungen, die durch die wissenschaftliche Arbeit am Museum beständig wachsen. Aktuell vergrößert sich vor allem der Bestand der Schmetterlinge rasant. Große internationale Forschungsprojekte der Arbeitsgruppe um Dr. Gunnar Brehm zur Biodiversität der Schmetterlingsfauna in den Anden mehren sie Sammlung enorm. Unter den Neuzugängen sind vermutlich mehr als 1.000 unbeschriebene Arten (Mehr erfahren...Externer Link).

Auch eine jüngste Schenkung vorwiegend einheimischer Falter (Sammlung Helmut Adloff, Erfurt) ist von großem Wert, zeigt sie doch über mehrere Jahrzehnte die erstaunliche Variation innerhalb von Arten. Während wir die Tiere erfassen und katalogisieren, sind wir zutiefst von der Sorgfalt der Präparation und der Genauigkeit der Dokumentation beeindruckt. Herzlichen Dank.

Präparation von Eulenfaltern (Noctuidae) aus dem Raum Erfurt, Sammlung H. Adloff

Foto: PD Dr. Manuela Schmidt

Schriften - eine Auswahl

  • Das Phyletische Museum
    • Haeckel, E. (1908): Alte und neue Naturgeschichte: Festrede zur Übergabe des Phyletischen Museums an die Universität Jena bei Gelegenheit ihres 350jährigen Jubiläums am 30. Juli 1908. Gustav Fischer.
    • Fischer, M.S., Brehm, G., Hoßfeld, U. (2008). Das Phyletische Museum. Eigenverlag. Herstellung: Druckhaus Gera GmbH.
    • Gersch, M (1974): Das Phyletische Museum. Reichtümer und Raritäten. Jenaer Reden und Schriften. 102-111.
  • Geschichte der Sammlungen
    • von Knorre, D. (1983). Die zoologisch-paläontologischen Sammlungen des Phyletischen Museums. Abteilung Wissenschaftliche Publikationen der Friedich-Schiller-Universität.
    • von Knorre, D. (2000). 300 Jahre zoologisch-paläontologische Sammlungen in Jena. Thüringer Museumshefte 9 (3), 50-55.
    • Uschmann, G. (1959). Geschichte der Zoologie und der zoologischen Anstalten in Jena 1779-1919. Jena.
  • Schriften über besondere Objekte