Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten

Die Postkarte

Neue Perspektiven aus Haeckels Arbeitszimmer
Ernst Haeckels Arbeitzimmer mit hervorgehobenen Objekten
Grafik: Jana Wiegandt

Perspektive zur Postkarte von Annekathrin Krieger

Perspektive zur Postkarte von Annekathrin Krieger

Platzhalterbild — Icon Postkarte

Annekathrin S. Krieger ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen.

Grafik: Bastienne Karg · Audio: Annekathrin Krieger (bearbeitet: Finn Blug)

Leseversion der Audiodateien

  • Originalfassung

    „Unsichtbare Akteure”

    Guten Tag, mein Name ist Annekathrin Krieger, ich bin Historikerin und habe an
    der Georg-August-Universität Göttingen promoviert. Meine Forschungsinteressen
    umfassen die Wissens- und Globalgeschichte sowie die Tiergeschichte des
    langen 19. Jahrhunderts.
    Die vorliegende Fotografie zeigt Ernst Haeckel neben der Vitrine mit einem so
    durch ihn benannten Gorilla Gigas. Eine scheinbar neu entdeckte Riesen Gorilla-
    Art die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland für Aufsehen sorgte. Jede
    naturkundliche Sammlung wollte ein solches Schaustück besitzen. Doch diese
    Art der Präparation bildete nicht die Realität ab.
    Das Bild klammert ebenfalls die globalen Erwerbsumstände des Gorillas aus.
    Gorillas und andere Tiere wurden im Zuge des weltweiten kolonialen Ausgreifens
    massenhaft abgeschossen. Die Dezimierung der Bestände erholte sich nie. Das
    Ziel der kolonialen Durchdringung umfasste, neben den unterworfenen Menschen
    und der Wirtschaft, die gesamte Umwelt. Dazu gehörte es auch, vermeintlich
    neu entdeckten Tieren einen Namen nach dem Vorbild der in Europa gängigen
    lateinischen Nomenklatur zu geben und sich diese somit anzueignen. Dabei
    existierten bereits afrikanische Bezeichnungen und ohne die Hilfe afrikanischer
    Jäger, Präparatoren, Dolmetscher und Träger*innen wären die Tiere niemals nach
    Europa gelangt.
    Die Fotografie zeigt aus der Sicht der aktuellen historischen Forschung vor allem
    Leerstellen und Nicht-Wissen. Wir wissen heute nichts über die afrikanischen
    Akteur:innen, die am Erwerb des Tieres beteiligt waren. Das Präparat zeigt keine
    realistische Darstellung eines ausgewachsenen männlichen Gorillas und die
    Benennung der Unterart als Gorilla gigas gilt längst als überholt.

  • Übersetzung

    “Invisible actors”

    Hello, my name is Annekathrin Krieger. I am a historian and received my
    doctorate from Georg August University in Göttingen. My research interests
    include intellectual and global history as well as the history of animals in the long
    19th century.
    This photograph shows Ernst Haeckel next to a display case containing a gorilla
    gigas, named by him. This seemingly newly discovered species of giant gorilla
    caused a sensation in Germany at the beginning of the 20th century. Every
    natural history collection wanted to own such a showpiece. However, this type of
    preparation did not reflect reality.
    The image also ignores the global circumstances surrounding the gorilla‘s
    acquisition. Gorillas and other animals were shot en masse in the course of
    global colonial expansion. The decimated populations never recovered. The
    goal of colonial penetration encompassed not only the subjugated people and
    the economy, but also the entire environment. This included naming supposedly
    newly discovered animals according to the Latin nomenclature commonly
    used in Europe, thereby appropriating them. African names already existed, and
    without the help of African hunters, taxidermists, interpreters, and porters, the
    animals would never have made it to Europe.
    From the perspective of current historical research, the photograph reveals above
    all gaps and ignorance. Today, we know nothing about the African actors who
    were involved in acquiring the animal. The specimen does not show a realistic
    representation of a fully grown male gorilla, and the naming of the subspecies as
    Gorilla gigas has long been considered obsolete.