Ein Molekularbiologe in der Pharmazie sagt "Tschüs"

Prof. Dr. Thomas Winckler, Inhaber der Professur für Pharmazeutische Biologie am Institut für Pharmazie der Friedrich-Schiller-Universität Jena geht zum 01.10.2026 in den Ruhestand

Prof. Dr. Thomas Winckler

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Prof. Dr. Thomas Winckler
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Wir sagen "Danke!"

(Erschienen in der Deutschen Apotheker Zeitung und der Pharmazeutischen Zeitung)

Das in Cuxhaven am 01. Februar 1961 geborene Nordlicht wechselte fürs Biologiestudium 1982 bis 1987 in den entgegengesetzten Teil der Republik – nach Konstanz. In seiner Diplomarbeit „Isolierung und Charakterisierung von Proteinkinasen aus Dictyostelium discoideum“ beschäftigte er sich erstmals mit seinem „Haustier“, einem im Boden vorkommenden Schleimpilz, der ihn bis heute begleitet. 1991 wurde er, noch immer in Konstanz, mit der bei Prof. Dr. Dieter Malchow angefertigten Dissertation „Calcium/Calmodulin-bindende Proteine im zellulären Schleimpilz Dictyostelium discoideum“ promoviert. Darauf folgte ein Forschungsaufenthalt am Institut Pasteur in Paris. 1992 wechselte er zu Prof. Dr. Theodor Dingermann ans Institut für Pharmazeutische Biologie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er bis 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent tätig war und sich im Jahre 2000 mit der Schrift „On the biology of retrotransposable elements in the Dictyostelium discoideum genome“ habilitierte und die Lehrbefugnis für Pharmazeutische Biologie erwarb. Danach noch Hochschuldozent in Frankfurt nahm er 2005 den Ruf auf eine Professur als Inhaber des Lehrstuhls für Pharmazeutische Biologie am Institut für Pharmazie der Friedrich-Schiller-Universität Jena an, der er bis heute treugeblieben ist. In der schönen und aufgrund ihres hohen Studierendenanteils jungen und lebendigen thüringischen kleinen Großstadt lebte er sich auch aufgrund der wundervollen Umgebung und seiner Begeisterung für kulinarische Köstlichkeiten wie der Thüringer Rostbratwurst schnell ein.

Vom Beginn an ist Professor Winckler in Jena an Institut und Fakultät sowie bei außeruniversitären Kooperationspartnern als stets verlässlicher Kollege geschätzt – das zeigt nicht nur seine buchstäblich immer offene Tür. Seine Forschungstätigkeit, aus der zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, Master- und Diplomarbeiten sowie Dissertationen resultierten, widmet sich im Wesentlichen drei Themenkomplexen:

Dictyostelium discoideum, sein ständiger Begleiter, zeichnet sich durch ein haploides, dicht gepacktes Genom aus (zwei Drittel der DNA kodieren für Proteine) und eignet sich daher als Modellorganismus zur Untersuchung der Aktivität mobiler genetischer Elemente. Die AG Winckler versucht hierbei, den Mechanismus zu verstehen, wie es Retrotransposons gelingt, schadensfrei – ohne das Hervorrufen von Mutagenesen – im Genom „zu springen“. Ließe sich dieser Mechanismus auf den menschlichen Organismus übertragen, ergäben sich Perspektiven für eine möglicherweise sichere Gentherapie.

Bemerkenswert ist bei D. discoideum und seinen Verwandten der Lebenszyklus. Die einzelligen Organismen organisieren sich bei Nahrungsmangel zu mehrzelligen Lebensstadien, indem sie – einem Konzentrationsgradienten von Botenstoffen folgend – aggregieren und letztlich Fruchtkörper bilden. Sie werden deshalb als „soziale Amöben“ bezeichnet. AG Winckler und Kollegen vom Hans-Knöll-Institut untersuchten mit verschiedenen Methoden die Kommunikation in Polysphondylium-Arten, die hierfür das spezielle Dipeptid Glorin verwenden.

Ein dritter Fokus der Forschungstätigkeit lag auf der Suche nach multi-target directed ligands zur Behandlung der Alzheimer-Demenz. Dieses Projekt, entstanden aus einer Kooperation mit Prof. Dr. Jochen Lehmann am Lehrstuhl für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der FSU Jena, wurde von der AG Winckler nach der Emeritierung Lehmanns fortgeführt. Es wurden vielversprechende Strukturen wie homo- und bivalente Carbolin- und Phenothiazin-Derivate untersucht, die in zell- und enzymbasierten Assays Aktivität an gleich mehreren Targets zeigen, die bei der Alzheimer-Demenz eine Rolle spielen.

Über seine Forschungstätigkeit hinaus ist Thomas Wincklers enormes Engagement für die Pharmazie im Allgemeinen und das Jenaer Pharmazie-Institut im Speziellen zu würdigen. Ob als Mitglied in Fakultätsrat und Senat oder später Institutsdirektor und Prodekan: stets trat er vehement für die Interessen des kleinen Instituts ein, an dem jährlich etwa 50 bis 60 Pharmaziestudierende das Studium abschließen. Ein großer Wunsch blieb ihm allerdings versagt: es war ihm leider nicht beschieden, in seiner 21-jährigen Karriere an der Friedrich-Schiller-Universität Jena einen Pharmazie-Neubau miterleben zu dürfen, obwohl dieser bereits seit den 1990er-Jahren geplant ist. Nun wird er bald aus der Ferne hoffen, dass dieses dringend benötigte Bauprojekt – wie von der Landespolitik versprochen – in den kommenden Jahren endlich umgesetzt wird. Ungeachtet dessen kümmert sich Kollege Winckler bis zum letzten Arbeitstag um die Belange des Instituts, als hätte er noch 20 Jahre vor sich: er erarbeitet aktuell eine neue Studienordnung, bereitet akribisch den Studiengangsreview vor, der im Sommer 2027 ansteht, denkt über zukünftige Lehre nach und ordnet die Dinge am Lehrstuhl, um einen möglichst reibungslosen Umzug in ein Interimsdomizil auf dem Beutenberg-Campus zu ermöglichen. Bereits vor Jahren hatte er in Eigenregie auch die Institutshomepage neugestaltet.

Für einen Hochschullehrer bemerkenswert: Thomas Wincklers besondere Verdienste um die Thüringer Apothekerschaft wurden im Juni 2026 mit der von den Thüringer Standesorganisationen gestifteten J.-B.-Trommsdorff-Medaille gewürdigt. Bereits 2021 war ihm die Elsa-Ullmann-Medaille der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft verliehen worden.

Von 2010 bis 2026 war er Vorsitzender der Landesgruppe Thüringen der DPhG und organisierte zusammen mit der Landesapothekerkammer Thüringen die regelmäßig sehr gut besuchten Fortbildungsveranstaltungen in der Erbertstraße. Mit Dr. Ilse Zündorf bildete er zudem über Jahre die Redaktion der DPhG-Mitgliederzeitschrift „Pharmakon“.  Auch als Buchautor hat sich Thomas Winckler einen Namen gemacht. In der mittlerweile 4. Auflage von „Gentechnik Biotechnik – Grundlagen und Wirkstoffe “ versucht er gemeinsam mit Dr. Ilse Zündorf und Prof. Dr. Theodor Dingermann dem geneigten Leser diese komplexe und gleichzeitig für die moderne Pharmazie immer bedeutsamere Thematik nahezubringen, die nur ganz wenige so überblicken wie er.

Sein Leitspruch „Die Antwort auf alle Fragen lautet: PCR!“ führt uns last but not least zu seiner Lehrtätigkeit. Wer in Jena das Pharmazie-Studium abgeschlossen hat, gehört auf der ganzen Breite der Pharmazeutischen Biologie zu den am besten ausgebildeten Studierenden in Deutschland. Eine Besonderheit der Wincklerschen Lehrveranstaltungen im Hauptstudium: sind Vorkenntnisse der Studierenden nicht ausreichend vorhanden, was bekanntermaßen durchaus vorkommen kann, werden sie kurzerhand gleich mit erörtert. Ein echter Hochschullehrer eben!

Klassische phytopharmazeutische Kenntnisse lehrt Kollege Winckler stets evidenzbasiert und am Puls der Zeit. Ihm gelingt es, den Bogen von Naturstoffen und deren komplexen Wirkmechanismen über aktuelle klinische Untersuchungen bis zu handfesten Tipps für die Beratung in der Offizin zu spannen. Besonderen Wert legt er darauf, dass die angehenden Apothekerinnen und Apotheker gute und schlechte Phytopharmaka erkennen und sich auch in der modernen Welt teils dubioser Nahrungsergänzungsmittel zurechtfinden können.

Seine Paraderolle spielt der Molekularbiologe rund um Immunologie, Impfstoffe, Biologika sowie molekularbiologische und gentechnologische Arbeitsmethoden. Diesem zukunftsträchtigen Fachgebiet, das die moderne Pharmazie verkörpert wie kein zweites, widmet er sich nicht nur in seiner stets gut besuchten, da erstklassigen Vorlesung sondern auch in dem in der deutschen Hochschulpharmazie wohl einmaligen Praktikum „Einführung in DNA-Rekombinationstechnologie“, wo er – selbst am Laborplatz stehend – die Studierenden den Weg vom Gen zum (Protein)-Wirkstoff durch Praktizierung der entsprechenden Arbeitstechniken direkt erleben lässt. Spätestens seit der Covid-19-Pandemie kennt auch der interessierte Laie die Bedeutung dieser Thematik und es dürfte Thomas Winckler getreu seinem Leitspruch eine Freude sein, welchen Bekanntheitsgrad PCR und die Molekularbiologie in der interessierten Öffentlichkeit erlangt haben.

Auch über sein originäres Fachgebiet hinaus war und ist es stets Professor Wincklers oberstes Gebot, die Studierenden zu kompetenten Ansprechpartnern und Fachleuten für alle Facetten Ihres beruflichen und privaten Alltags auszubilden und zu erziehen. In einem aktuellen gesellschaftlichen Klima, in dem – zu unser aller Leidwesen – zunehmend wissenschaftliche Fakten in Frage gestellt und den Meinungen wissenschaftsferner Interessengruppen untergeordnet werden, ist dies umso mehr bedeutsam und nicht hoch genug einzuschätzen.

Lieber Thomas, wir sagen „Danke!“ für ein Hochschullehrer- und Forscherleben im Dienste der (Jenaer) Pharmazie. Für deinen nun anstehenden Ruhestand wünschen wir dir alles Gute, vor allem Gesundheit und immer ein gutes Glas Rotwein (Polyphenole!). Auch wenn es dich nun zurück zu deinen Wurzeln in den hohen Norden zieht, sind wir uns sicher, dass du stets mit einem wachsamen Auge nach Jena blicken wirst. Wir hoffen, dass du der Pharmazie über die eine oder andere Kommunikationsplattform (Buch, Zeitschriften, Podcast) erhalten bleibst. In jedem Falle sehen wir uns zur Eröffnung des Jenaer Institutsneubaus!

Für deine aktuellen und ehemaligen Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Pharmazie der FSU Jena

Friedemann Gaube