Die Workshops finden parallel in der Zeit von 11:00 Uhr bis 12:30 Uhr statt.
Workshop 1: Rassismuskritische Bildungsarbeit.
Dr. Danny Michelsen und Jan Batzer (KomRex, Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Der Einführungsworkshop besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil soll es zunächst um eine Klärung der Begriffe Rassismus und Diskriminierung sowie um eine Reflexion der verschiedenen Facetten von Rassismus (alltäglicher, institutioneller, struktureller Rassismus) gehen. Zudem soll die Frage diskutiert werden, welche strukturellen Machtungleichgewichte Rassismus und Diskriminierung begünstigen und durch welche Maßnahmen diese Machtungleichgewichte abgebaut werden könnten. Im zweiten Teil werden Methoden der rassismuskritischen Bildungsarbeit vorgestellt, die geeignet sind, Schüler*innen der Sekundarstufen I und II zur Auseinandersetzung mit konkreten rassistischen Ausgrenzungspraktiken und zur kritischen Reflexion eigener vorurteilsbasierter Denk- und Handlungsmuster anzuregen.
Workshop 2: Aktuelle Aspekte des Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.
Stephan J. Kramer (Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen)
Die letzten Monate haben deutlich gezeigt, wie Hass und Hetze unsere Gesellschaft herausfordern. Der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus oder Verschwörungsmythen erfordert von uns allen eine gemeinsame Kraftanstrengung. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und rechte Gewalt sind Realität. Zahlreiche Anschläge, z. B. in Halle und Hanau, der Mord an Walter Lübke und eine deutliche Radikalisierung der „neuen Rechten“, von sogenannten „Reichsbürgern“ und „Querdenkern“ bis hin zur AfD gefährden unsere freiheitliche, demokratische Grundordnung. Mit weiteren Anschlägen auf Personen oder Institutionen muss leider gerechnet werden. Der Rechtsextremismus in Deutschland hat sich in den letzten Jahren gewandelt und soziale Räume erobert. Seine neuen Erscheinungs- und Aktionsfelder, insbesondere die vielfältigen Formen der Entgrenzung und Vernetzung, stellen gestiegene Herausforderungen für die Sicherheitsbehörden dar. Daher gilt es, die präventiven Möglichkeiten aller Verantwortlichen weiter zu stärken und zu vernetzen, z. B. wenn die Anstrengungen im Bereich der politischen Bildung und der Demokratieförderung ausgebaut werden.
Workshop 3: Ernst Haeckel, Nikolai Mikloucho-Maclay und Anfänge des wissenschaftlichen Antirassismus.
PD Dr. habil. Georgy S. Levit (AG Biologiedidaktik, Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Rassismus hat viele Gesichter und Motive. Eine historische Form ist der wissenschaftliche Rassismus, der mit Theorien bzw. „empirischen Befunden“ argumentierte. Der Zoologe Ernst Haeckel (1834–1919) beispielsweise unterteilte und hierarchisierte die Menschen in zwölf Arten und 34 Rassen. Ohne jemals in Papua-Neuguinea gewesen zu sein, stellte er die Hypothese auf, dass die Papuas „auf der niedrigsten Stufe der Menschheit stehen geblieben“ sind. Nikolai Mikloucho-Maclay, der von 1865 bis 1868 Student der Medizinischen Fakultät in Jena und zeitweise Haeckels Assistent war, reiste wiederholt zu den Papuas und konnte die Ansichten seines Lehrers widerlegen. Damit stand er dem wissenschaftlichen Rassismus des 19. Jahrhunderts diametral gegenüber. Zwar war Maclay ebenso wie Haeckel einer der ersten Anhänger der Darwin’schen Theorie, in der Polygenismus-Debatte stand er jedoch eindeutig auf der Seite der „Monogenisten“ und sah „Menschenrassen“ als gleichwertig an. Die nach 1870 indirekt geführte Auseinandersetzung zwischen Haeckel und Maclay ist deswegen wichtig, weil sie zeigt, dass es nicht die Darwin’sche Forschungsmethode war, die zu rassistischen Ansichten führte, sondern die Art und Weise wie sie eingesetzt wurde.
Workshop 4: Fachdidaktik trifft auf Wissenschaftsgeschichte. Zu den (bio-)historischen Wurzeln der „Jenaer Erklärung“.
apl. Prof. Dr. Uwe Hoßfeld (AG Biologiedidaktik, Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Die „Jenaer Erklärung“ ist eine wissenschaftliche Stellungnahme, die das „Konzept der Rasse“ sowie den Rassismus in den Wissenschaften und der Öffentlichkeit kritisch und aktuell hinterfragt. Sie wurde am 10. September 2019 anlässlich der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) in Jena vom Institut für Zoologie und Evolutionsforschung der Friedrich-Schiller-Universität in einer öffentlichen Abendveranstaltung zum Thema „Jena, Haeckel und die Frage nach den Menschenrassen: wie Rassismus Rassen macht“ erstmals vorgestellt. Die Kernaussage des dreieinhalbseitigen Papiers ist, dass es für die Verwendung des Begriffs der Rasse im Zusammenhang mit menschlichen Gruppen keine biologische Begründung gibt und tatsächlich es diese auch nie gegeben hat: „Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“. In diesem Workshop wird auf die biologiegeschichtlichen Zusammenhänge und Wurzeln in der „Jenaer Erklärung“ geblendet.
Workshop 5: „Schule der Vielfalt – Schule mit Mut“ – Die aktive Auseinandersetzung mit Rassismus bereits in der Grundschule.
Alexandra Porges (Schulleiterin, Freie Ganztagsgrundschule Anna-Amalia in Weimar)
Können Schülerinnen und Schüler einer Grundschule sich mit einer Thematik wie Rassismus und Diversität bereits inhaltlich auseinandersetzen, diese Frage stellte sich dem Schulteam der Freien Ganztagsgrundschule Anna Amalia. Ausgelöst durch ein Gespräch mit einer Schülerin zum Mahnmal des KZ Buchenwalds, welches vom Schulhof aus zu sehen ist. Sie sagte, sie bekäme von ihren Eltern keine Antworten dazu, weil sie noch zu jung für sei. Der Umgang mit Unterschiedlichkeit, deren Akzeptanz und das Verständnis das jeder von jedem lernen kann, ist der pädagogische Grundgedanke der Anna-Amalia-Schule. Die Schule ist im geschichtsträchtigen Ort Weimar und in der Trägerschaft der Lebenshilfe verortet. Zwei Aspekte die zusätzlich die Basis für die Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus bieten. Eine Zertifizierung mit dem Sigel „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ ist eine der Folgen des Gesprächs mit der Schülerin auf dem Schulhof. Eine vielfältige Auseinandersetzung in diesem Themenbereich mit einer hohen Partizipation der Lernenden folgte ebenso daraus. Jährlich werden immer wieder Vielfaltswochen mit den Lernenden gestaltet. Wie eine Schulgemeinschaft gemeinsam dieses Thema angegangen ist und immer wieder im Schulalltag implementiert, welche pädagogischen Werkzeuge dazu genutzt werden, können sie im Workshop erleben.
Workshop 6: Sozialpsychologische Motive von Einteilung der Menschen in „Rassen“ und Rassismus.
Prof. Dr. Ulrich Kattmann (Universität Oldenburg)
Im Workshop werden historische und aktuelle biologische Quellen analysiert, die sozialpsychologische Motive von Rassenklassifikationen zeigen und auf Stufen der Ausprägung von Rassismus bezogen. Es wird angestrebt, aus den Analysen Folgerungen für den fachlichen und fachdidaktischen Umgang mit biologischen Rassenkonzepten und Rassismus zu ziehen.
Workshop 7: Mit „Rasse“ Rassismus überwinden? – Die rechtswissenschaftliche Perspektive auf einen überkommenen Begriff
Isabelle M. Kutting & Naziar Amin (Rechtswissenschaftliche Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Der Begriff „Rasse“ besetzt mit der Nennung in Art. 3 Abs. 3 S. 1 GG einen wirkmächtigen Ort in der Rechtsordnung. Dies erscheint unverständlich, da nicht zuletzt durch die Jenaer Erklärung dargelegt wurde, dass das Konzept der „Rasse“ das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung ist. Gleichwohl scheint die Ersetzung des Begriffs der „Rasse“ in Art. 3 GG in dieser Legislaturperiode ge-scheitert. Die Einigung auf eine adäquate Formulierungsalternative ist in weite Ferne gerückt. „Rasse“ ist nicht nur anachronistisch, sondern naturwissenschaftlich widerlegt und soll in Art. 3 GG gleichzeitig vor rassistischer Diskriminierung schützen. Diese Divergenz gilt es aufzuarbeiten, indem die juristische Verwendung des Begriffs „Rasse“ einer erneuten Reflektion unterzogen wird. Stellt er nach wie vor ein taugliches Instrument zur Bekämpfung von Rassismus dar? Oder könnte vor dem Hintergrund, dass dem Begriff schon vor langer Zeit die wissenschaftliche Grundlage entzogen wurde, eine andere For-mulierung vorzugswürdig sein? Wenn ja, welche?